Montag, 3. Juni 2013

(PRO ORIENTE) TüRKEI: Widerstand gegen Umwandlung der Hagia Sophia von Trapezunt in eine Moschee

Hagia Sofia Trapezunt

Türkische und internationale Initiativen wollen eines der wichtigsten Beispiele der byzantinischen Sakralarchitektur als frei zugängliches Museum erhalten

Berlin-Ankara, 03.06.13 (poi) Die deutsche “Arbeitsgruppe Anerkennung (des spätosmanischen Völkermords)“ (AGA) hat eine an den türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül gerichtete E-Mail-Aktion gestartet, um die Umwandlung der Hagia Sophia der Schwarzmeermetropole Trapezunt (Trabzon) in eine Moschee zu verhindern. In der Aktion wird darauf verwiesen, dass nach Ansicht von Experten die Hagia Sophia von Trapezunt ein außerordentliches Beispiel der byzantinischen Kunst des 13. Jahrhunderts darstellt. Eine Nutzung der Hagia Sophia als Moschee würde nicht nur die kostbaren Fresken in Gefahr bringen, es bestehe auch die Befürchtung, dass dieses „wichtige Beispiel sakraler Architektur“ in Zukunft für Nichtmuslime nur erschwert zugänglich sein könnte. In der Mail-Aktion wird auch an Deportationen, Massaker und Vertreibungen gegen die christliche Bevölkerung Trapezunts in den Jahren 1915 bis 1923 erinnert; die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee würde einen „respektlosen Akt des religiösen Triumphalismus“ darstellen.

Seit 1962 war für die damals zum Museum erklärte Hagia Sophia das Kulturministerium in Ankara zuständig. Die (staatliche) „Generaldirektion für die frommen Stiftungen“ (vakiflar) forderte jetzt die Rückgabe des Gotteshauses, weil die Hagia Sophia „unveräußerlicher Teil einer von Sultan Mehmet II. errichteten Stiftung“ sei. Dieser Ansicht trat auch das zuständige Gericht bei. Ein Gebäude, das einmal als Moschee gedient habe, könne keinem anderen Zweck zugeführt werden, erklärte der regionale Verantwortliche der “Generaldirektion für die frommen Stiftungen“, Mazhar Yildirimhan. Er wollte sich aber nicht festlegen, was die Umwandlung in eine Moschee für die Fresken mit christlicher Thematik bedeuten könnte, die nahezu die Hälfte der inneren Wandfläche der Hagia Sophia einnehmen. Es gebe „moderne Techniken, um Wände zu bedecken“, meinte er nur.

Gegen die Gerichtsentscheidung laufen nicht nur Bürger von Trabzon (die eine Bürgeriniative gestartet haben) und türkische Kunsthistoriker Sturm. Auch international formieren sich Gruppen, die die Hagia Sophia in ihrem jetzigen Zustand bewahren wollen. So appellieren die Facebook-Gruppe „Rettet die osmanischen Monumente in Griechenland“, die griechische NGO „Rhodes International Culture & Heritage Society“ und die New Yorker NGO „Cool Culture“ an die türkischen Behörden – „angesichts ihrer internationalen Reputation im Hinblick auf die Bewahrung eines weltweit einmalig umfangreichen kulturellen Erbes“ - , die Entscheidung über die Hagia Sophia von Trapezunt zu überdenken.

Türkische und internationale Kunsthistoriker sind angesichts von “Restaurierungsmaßnahmen“ der „Generaldirektion für die frommen Stiftungen“ an verschiedenen früheren Kirchen auch im Hinblick auf die Hagia Sophia in Trapezunt in großer Sorge. Beim Erdbeben von 1999 hatten sich im Gewölbe der Arap Camii im Istanbuler Stadtteil Galata – die Moschee war einst die 1325 erbaute Dominikanerkirche San Domenico, das einzige erhaltene gotische Gotteshaus der Bosporus-Metropole – Gipsverschalungen gelöst, prächtige Fresken und Mosaike wurden sichtbar. Die Konservierung der Fresken wurde im Vorjahr abgeschlossen, aber die Fresken wurden wieder unter Gips verborgen. Die im Jahr 462 erbaute St Johannes-der-Täufer-Kirche des Studion-Klosters – einst das bedeutendste Kloster Konstantinopels – wurde im Jänner dieses Jahres vom Kulturministerium an die „Generaldirektion für die frommen Stiftungen“ abgetreten, die das im Jahr 1894 durch ein Erdbeben schwer beschädigte Gotteshaus als Moschee wieder aufbauen möchte. Auch bei der Restaurierung der St. Sergius-und-Bacchus-Kirche (Kücük Ayasofya Camii) aus dem 6. Jahrhundert wurde die akademische Kommunität ferngehalten.

Die Hagia Sophia von Trapezunt ist eine Kreuzkuppelkirche, die im 13. Jahrhundert als Klosterkirche und Hauptkirche des Kaisertums von Trapezunt errichtet wurde. Die Angaben über den Zeitpunkt der Umwandlung in eine Moschee gehen auseinander: Manche Quellen setzen sie unmittelbar nach der osmanischen Eroberung im Jahr 1461 an; moderne türkische Historiker nennen als Zeitpunkt das Jahr 1670. Wie in anderen Fällen dürften auch in der Hagia Sophia von Trapezunt die kostbaren Fresken zunächst nicht übertüncht worden sein. Diese Maßnahme erfolgte erst im Zug einer Restaurierung im 19. Jahrhundert. Unklar ist auch, ob in der Hagia Sophia während der russischen Okkupation (ab 1916) und der nachfolgenden Verwaltung der Stadt durch griechische und armenische Komitees (bis 1920) wieder die Göttliche Liturgie gefeiert werden konnte. In Reiseberichten des 19. Jahrhunderts heißt es, dass um 1850 auch Christen in der Hagia Sophia beteten.

Die Geschichte der Hagia Sophia beginnt mit einer älteren Kirche des Klosters, an deren Stelle um 1250 Kaiser Manuel I. die heutige Kuppelkirche errichten und in den folgenden Jahren ausmalen ließ. Von den weiteren Klostergebäuden ist nichts mehr erhalten bis auf den freistehenden Glockenturm, mit dessen Errichtung 1426, während der Regierungszeit des Kaisers Alexios IV. (1417–1429), begonnen wurde. Die Hagia Sophia gehört zu den wichtigsten hochmittelalterlichen byzantinischen Bauwerken und übte Einfluss auf die weitere byzantinische und russische Baugeschichte aus. Neben der typischen griechischen Grundkomposition einer Kreuzkuppelkirche zeigt sie auch georgische und armenische Architektureinflüsse.

Die erhaltenen 55 Freskenfragmente stammen überwiegend aus der Bauzeit, wobei die im 19. Jahrhundert eingeschlagenen Löcher bei der Restaurierung, die1957 bis 1962 durch Mitglieder der („Church of Hagia Sophia at Trebizond“), die zu den bedeutendsten aus spätbyzantinischer Zeit gehören. Die biblischen Szenen mit einer für das Mittelalter unüblichen realistischen Darstellung der menschlichen Anatomie gehen über den strengen Formalismus der früheren byzantinischen Kunst hinaus. Die Entstehungszeit der Fresken fällt in die Phase des kulturellen Aufblühens nach der Rückeroberung Konstantinopels durch die Palaiologen. Das Bildprogramm ist eine umfassende Darstellung der Heilsgeschichte. Von besonderer Bedeutung sind auch die Reliefs am Portal der Südvorhalle, die Einflüsse der armenischen, syrischen und seldschukischen Kunst verarbeiten. Die Reliefs stellen den Sündenfall dar.

Trapezunt war in der Geschichte immer eine Stadt der Kirchen. In ihrer Blütezeit besaß die nur mittelgroße Metropole annähernd 80 Kirchen, von denen der größte Teil bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch erhalten war. Die meisten dieser Gotteshäuser wurden aber in den folgenden Jahrzehnten zerstört. Soweit die Christen (Griechen und Armenier) nicht schon dem Genozid des jungtürkischen „Komitees für Einheit und Fortschritt“ ab 1915 zum Opfer gefallen waren, wurden sie 1923 vertrieben. Allerdings ist die griechische Sprache in der Umgebung von Trapezunt bis heute präsent, weil es dort viele islamisierte Griechen gibt, die zumindest in der Familie nach wie vor die „rhomäische Sprache“ verwenden. http://www.pro-oriente.at

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