Sonntag, 13. Januar 2013

PRO ORIENTE: Auseinandersetzung um Völkermord an den Armeniern spitzt sich zu

Schlagabtausch im türkischen Parlament, Manipulation der Aussagen des Pressesprechers der türkischen Bischofskonferenz, Kontroverse um „Alternativ-Ausstellung“ zum Völkermord an der Dänischen Königlichen Bibliothek

Istanbul-Kopenhagen, 13.01.13 (poi) Je näher das 1915 fällige 100-Jahr-Gedenken des Beginns des Völkermords an den Armeniern rückt, desto schärfer wird die Auseinandersetzung um die Verantwortung. Vor wenigen Tagen kam es in der Großen Nationalversammlung in Ankara zu einem harten Schlagabtausch. Der aus Musch in Ostanatolien stammende Abgeordnete Sirri Sakik von der (kurdischen) Partei für Frieden und Demokratie (BDP) sagte: „Eure Geschichte ist eine Geschichte der Massaker“. Daraufhin wandte sich der Abgeordnete Yusuf Halacoglu von der nationalistischen MHP (er ist der frühere Vorsitzende der „Historischen Gesellschaft der Türkei“) an die kurdischen Mitglieder der Nationalversammlung mit den Worten: „Dann sagen Sie mir offen – und ich werde Ihnen alle Dokumente zeigen - , wer die Armenier ermordet hat?“ Halacoglu nahm damit Bezug auf die Berichte, wonach sich ein Teil der kurdischen Bevölkerung ab 1915 an der von der osmanischen Regierung (die vom jungtürkischen „Komitee für Einheit und Fortschritt“, Ittihad ve Terakki, gestellt wurde) angeordneten „Endlösung“ der Armenier-Frage an vorderster Front beteiligt hatte. Der Fraktionsvorsitzende der regierenden AKP, Nurettin Canikli, erklärte daraufhin, es habe „in der Geschichte der türkischen Nation keine Massaker oder Völkermorde“ gegeben.

Knapp vor der Jahreswende war es in der Türkei zu einer heftigen öffentlichen Auseinandersetzung um die Frage des Völkermords an den armenischen Bürgern gekommen, in deren Mittelpunkt der Presseprecher der türkischen katholischen Bischofskonferenz, Rinaldo Marmara, stand. Türkische Medien hatten berichtet, dass die Bahcesehir-Universität ein Forschungsvorhaben über die auf das Osmanische Reich bezüglichen Bestände im vatikanischen Archiv – insgesamt mehr als eine Million Dokumente – starten wolle. Die Zeitung „Vatan“ zitierte dazu Aussagen von Rinaldo Marmara – der als „Verantwortlicher“ des Forschungsvorhabens bezeichnet wurde -, wonach es im vatikanischen Archiv auch Dokumente gebe, aus denen hervorgehe, dass die „Ereignisse ab 1915“ auf „innerarmenische Probleme“ zurückgingen. Ebenso wurde Marmara die Äußerung in den Mund gelegt, die Ereignisse an der Ägäis-Küste ab 1914 – die Deportation zahlreicher osmanischer Bürger griechischer Nationalität – zeigten „die Verantwortlichkeit der Griechen und die Schuldlosigkeit der Türken“. Marmara wies in der Folge die „Manipulationen“ türkischer Medien entschieden zurück. Er betonte insbesondere, dass die armenische Frage nie Gegenstand seiner historischen Forschungen gewesen sei. Diese Forschungen hätten sich ausschließlich auf die Geschichte der katholischen Kirche des lateinischen Ritus im Osmanischen Reich bezogen. Weiter auf PRO ORIENTE

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