Freitag, 16. November 2012

(PRO ORIENTE)SYRIEN: Armenische Gedächtniskirche in Der-ez-Zor schwer beschädigt

In dem Symbolort des Völkermords an den Armeniern im Ersten Weltkrieg wurde die erst 1991 eingeweihte Gedenkstätte getroffen

Damaskus, 15.11.12 (poi) Die Gedächtniskirche im syrischen Der-ez-Zor für die armenischen Opfer des ab 1915 inszenierten Völkermords im Osmanischen Reich ist im Verlauf der blutigen Auseinandersetzungen in Syrien vor wenigen Tagen schwer beschädigt worden. Auch das mit der Märtyrerkirche verbundene Museum wurde in Mitleidenschaft gezogen. Die 1991 geweihte Märtyrerkirche war auch Begräbnisstätte von Völkermord-Opfern. Es ist unklar, ob die Gebeine vor den Angriffen in Sicherheit gebracht werden konnten. Die wenigen armenischen Familien, die zuletzt in der Stadt am Euphrat gelebt hatten, verließen Der-ez-Zor schon vor Monaten.

Der-ez-Zor hat für die Armenier in aller Welt hohe symbolische Bedeutung, weil diese Stadt – damals eine heruntergekommene Wüstenfestung ohne jede Infrastruktur – während des vom jungtürkischen “Komitee für Einheit und Fortschritt” (Ittihad ve Terakki) angeordneten Völkermords an den Armeniern der Bestimmungsort der Deportierten aus allen Teilen Anatoliens war, soweit sie nicht schon auf dem Weg dorthin liquidiert wurden. In den KZs rund um Der-ez-Zor kamen zwischen 150.000 und 400.000 Armenier ums Leben. Der Bau der Gedächtniskirche – eines eindrucksvollen Zentralbaus - und des Museums begann im Dezember 1989 und dauerte rund ein Jahr. Am 4. Mai 1991 wurde die Kirche vom damaligen armenisch-apostolischen Katholikos von Kilikien, Karekin II., feierlich geweiht. Seither pilgerten jedes Jahr am 24. April – dem Gedenktag an den Beginn des Völkermords im Osmanischen Reich im Jahr 1915 – zehntausende armenische Christen aus aller Welt nach Der-ez-Zor, um der Opfer des Genozids zu gedenken und für sie zu beten. Das Grundstück, auf dem die Gedächtniskirche steht, war ab 1915 von den jungtürkischen Exekutoren des Völkermords als Hinrichtungsstätte missbraucht worden. Jahre später bauten örtliche Armenier auf diesem Grundstück eine kleine Kapelle, die der Heiligen Hripsime geweiht war.

Der Gesamtkomplex der Gedächtniskirche und des Museums in Der-ez-Zor ist eine der weltweit eindrucksvollsten armenischen Gedenkstätten. Zu dem Komplex gehört unter anderem die “Wand der Freundschaft”, deren bildnerischer Schmuck aus Arabesken und armenischen Motiven die engen Beziehungen zwischen Armeniern und Arabern symbolisieren soll. Gegenüber dem Haupteingang des Komplexes steht das Märtyrer-Mahnmal, das mit armenischen Kreuzsteinen (“Chatschkare”) geschmückt ist. Zentrales Element der Kirche ist die “Säule der Auferstehung”, zu deren Füßen die Gebeine von Opfern des Völkermords beigesetzt sind.

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